Corporate Demokratie Action (CDA): Kann die Wirtschaft unsere Demokratie verteidigen? 

Unternehmen als politische Akteure in polarisierenden Zeiten 

Es ist ein hochaktuelles Thema: Wir leben in Zeiten, in denen demokratische Werte zunehmend erodieren – durch Polarisierung, gesellschaftliche Spaltung, Populismus und extremistische Parteien. Der Global Risks Report 2025 etwa legt offen, dass Missinformation, Desinformation und gesellschaftliche Polarisierung auf Platz 4 und 5 der größten globalen Risiken rangieren.  Das sehen auch Unternehmen so: Die gerade erschienenen Studie “Unternehmen in der Demokratie: besorgt, willens, gefordert“ von Bertelsmann Stiftung, Institut der deutschen Wirtschaft und der Universität St. Gallen zeigt, dass Unternehmen fest hinter der Demokratie stehen – sie aber auch derzeit besonders unter Druck stehen.  

Dabei ist Demokratie kein Zuschauersport. Sie lebt vom aktiven Engagement, vom Mitgestalten und vom Einmischen. Sie verlangt Haltung statt Gleichgültigkeit, Beteiligung statt Rückzug. Die Erwartung auch gegenüber Unternehmen, sich als politische Akteure zu begreifen und zu positionieren, steigt. Ihr Umfeld fordert eine klare Positionierung. Dies ist nicht immer ganz einfach, denn politische Aussagen bergen immer auch ein Risiko für Unternehmen. Umso wichtiger ist es daher, die Rahmenbedingungen für politisches Engagement klar zu definieren. 

Die Studie der Bertelsmann Stiftung u.a. zeigt, dass sich viele Unternehmen bereits für demokratische Werte engagieren, wenngleich zumeist intern und in vertrauten Strukturen. Etwa in der Initiative Business Council for Democracy (BC4D) mit dem Ziel, durch stärkeres politisches Engagement von Unternehmen den Schutz der liberalen Demokratie zu fördern.  

Hinweise darauf, wie das Engagement von Unternehmen für Demokratie gelingen kann, geben in jüngster Zeit erschienene wertvolle Handreichungen und strategische Empfehlungen. In unserem letzten Blogartikel haben wir zum Beispiel das „Handbuch für eine demokratische Zukunft” vorgestellt. Es benennt konkrete Handlungsfelder, wie Unternehmen in Zeiten von zunehmenden rechtsextremen Einflüssen Verantwortung übernehmen können.   

Auch Scholz & Friends Reputation beschäftigt sich mit diesem Thema. Bei unseren diesjährigen Hamburger Nachhaltigkeitsdialogen Mitte Juni stellten Alma Gabriel und Dr. Norbert Taubken vier zentrale Empfehlungen vor: 

  1. Demokratische Leitplanken über den Top-Down-Ansatz setzen. 
  1. Mitarbeitende über den Bottom-Up-Ansatz einbinden. 
  1. Wirkung frühzeitig mitdenken und steuern. 
  1. Arbeitsplatz als demokratisches Übungsfeld begreifen. 

Konkrete Handlungsoptionen finden sich auch in der Landkarte des Handelns, ebenfalls von Scholz & Friends in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen entwickelt.  

Darüber hinaus haben der Business Council for Democracy und Phineo gemeinsam einen Ratgeber mit Best Practices und Tipps für Unternehmen herausgegeben.  

Die Autor:innen des jüngst erschienenen Schmalenbach-Impulse-Papiers „Corporate Demokratie Action (CDA): Das Engagement von Unternehmen zum Schutz der liberalen Demokratie” befassen sich ebenfalls mit den Potenzialen, aber auch mit den kritischen Grenzen von politischem Engagement von Unternehmen. Hierbei beziehen sie sich auf das Rahmenkonzept der Corporate Democratic Action (CDA) – ein Ansatz, der Unternehmen als potenzielle demokratische Akteure positioniert. CDA wurde maßgeblich von Benedikt D. S. Kapteina entwickelt und im Rahmen des Arbeitskreises Wirtschaftsethik der Schmalenbach-Gesellschaft weiter ausgearbeitet. 

CDA trägt der Interdependenz sozialer, ökologischer und politischer Handlungsfelder und deren Zielerreichung Rechnung und stellt somit eine logische Erweiterung der Unternehmensverantwortung im Sinne der Corporate Social Responsibility (CSR) dar.  

In dem Papier nennen die Autor:innen 1) Gründe, 2) instrumentelle Perspektiven, 3) normative Perspektiven, 4) Formen sowie 5) Kritik an Corporate Democratic Action: 

1. Gründe Populistische Akteure nutzen (unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung) ähnliche Herrschaftstechniken: Einschränkung der Medienfreiheit, Vereinnahmung von Institutionen, Schwächungder Zivilgesellschaft. Da liberale Demokratie und soziale Marktwirtschaft eng verflochten sind (Eucken: „Interdependenz der Ordnungen”), gerät mit der einen Säule auch die andere ins Wanken – ein Zustand, an dem Unternehmen kein Interesse haben können. 

2. Instrumentelle Perspektive Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit und Eigentumsschutz sind Grundvoraussetzungen für Investitionssicherheit und Wachstum. Erodieren diese, drohen Vertrauensverlust und wirtschaftliche Instabilität. CDA erscheint hier als aufgeklärtes Eigeninteresse: Wer Demokratie verteidigt, sichert die eigene Geschäftsgrundlage. 

3. Normative Perspektive Wer von den Institutionen einer liberalen Demokratie profitiert, trägt, im Sinne einer Reziprozitätspflicht, Mitverantwortung, sie zu schützen. Unternehmen agieren hier als „Corporate Citizens” mit einer ergänzenden Rolle zur Stärkung demokratischer Kultur. 

4. Formen CDA lässt sich entlang zweier Dimensionen ordnen: individuell vs. kollektiv, direkt vs. indirekt. Beispiele: CEO-Aktivismus, Wahlaufrufe, demokratische Unternehmenskultur sowie kollektive Bündnisse oder Verbands-Advocacy. 

5. Kritik Drei Einwände dominieren: 1) Friedmans Argument, Unternehmen sollten sich auf Gewinnerzielung beschränken; 2) fehlende demokratische Legitimität, da Unternehmen keine Mandate oder Rechenschaftsmechanismen besitzen; 3) die Gefahr einer Machtverschiebung von öffentlichen zu privaten Akteuren. Konsequenz: CDA sollte demokratische Institutionen stärken, nicht politische Sachdebatten besetzen. 

In vielen Unternehmen ist CDA bereits gelebte Praxis. Sie positionieren sich sowohl aus Eigeninteresse an stabilen Rahmenbedingungen als auch aus moralischer Überzeugung. Trotzdem bleibt dieses Engagement umstritten. Nicht mehr, ob Unternehmen sich einmischen dürfen, sondern wie sie es glaubwürdig und legitim tun können, steht im Mittelpunkt. Unternehmen sind daher gut beraten, ihre Rolle als Corporate Citizens kritisch zu hinterfragen und klare Leitlinien für ihr politisches Handeln zu entwickeln. 

Wir glauben: Ja, “die Wirtschaft” kann einen Beitrag zum Schutz unserer Demokratie leisten. Vorausgesetzt, sie tut dies reflektiert, transparent und mit klarem Kompass. 

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